Eintrittsselektion in allgemein- und berufsbildende Schulen der Sekundarstufe II

Die Forschung zur postobligatorischen Bildung hat sich bisher auf das duale Berufsbildungssystem fokussiert. Im Gegensatz dazu ist die schulbasierte Bildung relativ unerforscht. Deshalb konzentriert sich Sasha Cortesi in seinem Dissertationsprojekt auf diese Bildungskonfiguration. Der Fokus der Analyse liegt bei den schulbasierten Bildungswegen der Sekundarschule II (Gymnasium, Fachmittelschule, Handelsmittelschule und Vollzeitberufsschulen).

Die Bildungsinhalte und –ziele der verschiedenen Bildungswege unterscheiden sich. Die Organisation der Bildungswege beinhaltet auch verschiedene Bildungsakteure. Die Heterogenität des Angebots von schulbasierten Bildungswegen auf der Sekundarstufe II zeigt wieso eine vergleichende Analyse der sozialen, politischen und institutionellen Logiken, auf denen die Bildungswege basieren, von Interesse sein kann. In diesem Fall besteht das Anliegen der Analyse aus einer Kontextualisierung des schulbasierten Bildungsangebotes. Die Analyse ermöglicht auch eine Evaluation der Auswirkungen der Reformen betreffend der Sekundarstufe II der letzten Jahre.

Die Kontextualisierung der Heterogenität des schulbasierten Bildungsangebotes zeigt auch den Stellenwert einer Analyse der Differenzierung der verschiedenen Arten wie die Kantone die jeweiligen Bildungswege organisieren. Die Analyse der kantonalen Heterogenität der oben genannten Bildungswege erlaubt auch die Identifizierung der verschiedenen regionalen Bildungstraditionen.

Das Konzept der Bildungskonventionen (Verdier 2008) ist für die Rekonstruktion der sozialen, politischen und institutionellen Logiken, worauf die verschiedenen oben genannten Bildungswege basieren, und die Kontextualisierung der Heterogenität des schulbasierten Bildungsangebotes auf der Sekundarstufe II geeignet. Unter Bildungskonventionen sind zentrale Koordinations- und Rechtfertigungsprinzipien von Bildungsorganisationen gemeint, die die Koordination der Handlungen zwischen Bildungsakteuren wie auch die Evaluation von Bildungsprozessen und –ergebnissen erlaubt. Die Heterogenität des Angebots der verschiedenen Bildungswege kann rekonstruiert werden in dem auf variierende Kompromisse von Bildungskonventionen Bezug genommen wird.

Die verschiedenen Bildungswege werden anhand von Fallstudien untersucht, die von verschiedenen Datenquellen stammen. Dokumente wie etwa Selbstbeschreibungen von Institutionen, Gesetzestexte und bildungspolitische Richtlinien wurde analysiert. Die Dokumentanalyse wird ergänzt mit der Analyse von etwa zwanzig Interviews mit Leitpersonen von Schulen, die die oben genannten Bildungswege repräsentieren. Diese Interviews wurden inhalts- und argumentationsanalytisch analysiert.

Die Analyse der sozialen, politischen und institutionellen Logiken zeigt, dass die akademischen und beruflichen Bildungskonventionen sich als die dominantesten erweisen und in verschiedenen Kombinationen die schulbasierten Bildungswege koordinieren. Gymnasien basieren hauptsächlich auf der akademischen Bildungskonvention, während Fachmittelschulen sich nach Berufsfeldern richten und die berufliche Bildungskonvention integrieren. In den letzten Jahren hat die berufliche Bildungskonvention innerhalb der Handelsmittelschulen auf Kosten der akademischen Bildungskonvention an Bedeutung gewonnen. Innerhalb der Vollzeitberufsschulen (Berufe aus dem technischen und Gesundheitsbereich) sticht die berufliche Bildungskonvention hervor (insbesondere die Berufung und Berufsvorbereitung). Deshalb gibt es eine gegenwärtige Tendenz in Richtung einer Hybridisierung der oben genannten Bildungswege, welche die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Allgemein- und Berufsbildung in Frage stellt.

Die Analyse der kantonalen Heterogenität der schulbasierten Bildung auf der Sekundarstufe II zeigt eine Affinität zur akademischen Bildung in der französisch- und italienischsprechenden Schweiz, während in der deutschsprechenden Schweiz die professionelle Bildungskonvention vorherrschend ist. Auch wenn die verschiedenen regionalen Bildungstraditionen keine relevanten Unterschiede hinsichtlich der Organisation innerhalb der oben genannten Bildungswege aufzeigen, sind Unterschiede betreffend der Durchlässigkeit zwischen der obligatorischen und der allgemeinbildenden Schule durchaus vorhanden. Die Repräsentation der Bildungswege der Sekundarstufe II ist hingegen durchaus von den regionalen Bildungstraditionen geprägt. Diese Repräsentation basiert auf zwei zentrale Logiken. Einerseits zeigt die akademische Hierarchisierung der französisch- und italienischsprechenden Schweiz, dass je grösser die Rolle der akademischen Bildungskonvention innerhalb eines Bildungswegs, desto höher ist die Stellung dieses Bildungswegs innerhalb der Hierarchie. Die professionelle Segmentierung der deutschsprechenden Schweiz zeigt andererseits keine derart stark ausgeprägte Hierarchisierung zwischen den Bildungswegen. Stattdessen ist die Ordnung der Bildungswege eher horizontal und von den spezifischen Charakteristiken der jeweiligen Bildungswege geprägt.