Allgemeinbildung oder Berufsbildung? Übergänge in Ausbildung und Arbeit aus subjektiver Sicht

Vor dem Hintergrund persistierender geschlechtstypischer Berufsfindungsprozesse in der Schweiz untersucht Karin Wohlgemuth in ihrem Dissertationsprojekt, wie Mädchen und Jungen von der obligatorischen Schule in die schulische oder berufliche Ausbildung navigieren. Folgende Fragen sollen geklärt werden: Wie gestalten die Jugendlichen ihren Übergang von der Schule in die schulische oder berufliche Ausbildung? Wie nehmen sie das regionale Bildungsangebot wahr, und wie gelangen sie zu einer vorläufigen Entscheidung für eine bestimmte Ausbildung?

Von besonderem Interesse sind dabei die subjektiven und geschlechtsspezifischen Übergangshandlungen der Jugendlichen im Kontext des regionalen Bildungsangebots, welches Handlungsmöglichkeiten beschränken oder auch erweitern kann. Im Fokus stehen folglich kontextualisierte individuelle Berufs- und Ausbildungsentscheidungen.

Es wird davon ausgegangen, dass Jugendliche im Rahmen von Individualisierungs- und Destandardisierungstendenzen ihrer Lebensläufe (Beck 1968) vermehrt eine aktive Handlungsleistung beim Übergang von der obligatorischen Schule in die berufliche oder schulische Ausbildung erbringen. Die Vielfalt von Entscheidungsprozessen soll einerseits aufgezeigt und andererseits in einen Bezug zu sozialen und strukturellen Kontexten gesetzt werden. Das Agency-Konzept (Emirbayer & Mische, 1998) eignet sich, um Prozesse der Ausbildungsfindung sichtbar zu machen und sie in Relation zu der sowohl ermöglichenden als auch begrenzenden strukturellen Umgebung zu setzen (vgl. Stauber, 2010). Die Analysekategorie Geschlecht wird in einem weiteren Schritt eingeführt, um zu untersuchen, inwiefern diese Prozesse vergeschlechtlicht verlaufen und so die Geschlechterverhältnisse im Ausbildungssystem herstellen.

Anhand von rund 20 qualitativen Leitfadeninterviews werden in der Schweiz wohnhafte Jugendliche im achten und neunten Schuljahr beider Geschlechter zu ihrem momentanen Entscheidungsverhalten, zu ihren vergangenen Erlebnissen und zu ihren entscheidungsrelevanten Zukunftsplänen befragt. Die Ausbildungssuche kann so als zeitlich vielschichtiger Prozess in Abgrenzung zu einer blossen momentanen Handlungsintention betrachtet werden. Die Analyse von Erzählungen ermöglicht die Analyse und Rekonstruktion von Übergangsprozessen vor dem Hintergrund struktureller Möglichkeiten und Hindernisse. Von der subjektiven Sicht der Jugendlichen auf das Ausbildungssystem erhoffen wir uns ein besseres Verständnis davon, wie Jugendliche ihren oft geschlechtertypischen beruflichen Weg selber gestalten.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die Handlungsvielfalt als unterschiedlich gross wahrgenommen wird. Eine geschlechtsuntypische Ausbildung zu wählen, hängt unmittelbar von dieser wahrgenommenen Handlungsfreiheit ab. Es kann daher angenommen werden, dass die Handlungsfähigkeit aus der Perspektive der befragten Person bei dem Übergang von der Sekundarstufe I die Wahl einer geschlechtsuntypischen Ausbildung begünstigt bzw. beeinträchtigt.

 

Publikationen aus dem Projekt:

Wohlgemuth, Karin (2015), Schule oder Berufsbildung? Übergänge in die nachobligatorische Bildung aus subjektiver und geschlechtsspezifischer Sicht in der Schweiz. Dissertation an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. 197 Seiten.

Wohlgemuth, K., Schoch, A., Imdorf, C. (2017). Transitions sexuées de l’école à la l’enseignement post-obligatoire en Suisse. In Buisson-Fenet, H. (Ed.). École des filles, école des femmes : L'institution scolaire face aux parcours, normes et rôles professionnels sexués. Louvain-la-Neuve: De Boeck Supérieur, 43-56.